Nachruf für
Andrée Thérèse Leusink

Andrée Thérèse Leusink, 14. Mai 1938 – 9. April 2020

Antifaschistin und Gründungsmitglied der Bürgerkommission Pankow

Nachruf:

Andrée wurde im französischen Exil geboren. Ihre Mutter Juliette Leder, geb. Brandler, starb früh an den Folgen der Verfolgung. Ihr Vater, der Schriftsteller Stephan Hermlin, konnte nur beschränkt für sie da sein, da er in der Illegalität lebte. Andrée überlebte dank französischer Widerstandskämpfer*innen und der Hilfsorganisation Œuvre de secours aux enfants (OSE), die sich dem Schutz bedrohter jüdischer Kinder verpflichtete, in Kinderheimen versteckt, immer mit der Angst lebend, entdeckt zu werden. Als die Razzien zunahmen, schmuggelte die OSE sie in die Schweiz und sie lebte dort in einer Pflegefamilie. Andrées Leben wurde geprägt durch die Zeit des Faschismus und die unmenschlichen Verbrechen, die Deutsche in dieser Zeit verübten.

Nach dem Krieg kam Andrée zu ihrem Vater nach Berlin. Sie besuchte dort die Oberschule, studierte Geschichte, Sport, später auch Pädagogische Psychologie und Philosophie und wurde Lehrerin. Bei vielen Schüler*innen hinterließ sie einen bleibenden Eindruck. Sie bemühte sich, ihnen das Entstehen und die Auswirkungen von Antisemitismus und Rassismus nahe zu bringen, um eine Wiederkehr zu verhindern. Mit vielen ihrer Schüler*innen verband sie eine lebenslange Freundschaft.

Andrée war ein sehr ernsthafter Mensch. Sie liebte das Leben und konnte sich auch über kleine Dinge freuen. Durch ihre Sensibilität und ihr Einfühlungsvermögen konnte sie Menschen gut erkennen. Sie fühlte sehr schnell, wer es ehrlich meinte.

Nach dem Ende der DDR arbeitete Andrée als Lehrerin für Psychologie in einem Studienkolleg mit jungen Erwachsenen. Sie gründete einen antifaschistischen Gesprächskreis Pankower Schüler*innen sowie Lehrer*innen und war Mitbegründerin der Kommission für Bürgerarbeit Pankow, die dem aufkeimenden rechten Gedankengut entgegentrat. Hier organisierte sie auch gemeinsam mit anderen Lehrer*innen Gedenkstättenfahrten für Schulklassen nach Auschwitz, da sie der Überzeugung war, dass nur das Wissen über die Vergangenheit jungen Menschen hilft, sich nicht vom faschistischen Gedankengut in der Gegenwart beeinflussen zu lassen.

In der Kommission für Bürgerarbeit regte sie viele Aktivitäten an. An Diskussionen beteiligte sie sich interessiert, kritisch und regte zum Nachdenken an. Andrée organisierte Künstler*innen für öffentliche Veranstaltungen, und im Rahmen der Lichterkette war sie Initiatorin der Gedenktafeln am Waisenhaus und vieler Podiumsdiskussionen.

Als Zeitzeugin trat sie in Schulen auf. Es war ihr immer ein Bedürfnis, Schüler*innen nicht nur über die Zeit des Faschismus in Deutschland zu informieren, sondern sie zum Nachdenken anzuregen, um Konsequenzen für ihr Handeln heute zu ziehen.

Andrée fehlt uns, doch wir und viele Menschen, die sie kennenlernen durften, denen sie in ihrer Haltung ein Vorbild war, werden weiter gegen menschenverachtende Ideologien, Antisemitismus, Faschismus und Krieg kämpfen und dabei an sie denken.

Jutta Kayser

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Junge Welt, 22. April 2020